Die Herrscher

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Die Herrscher
1160

Die Mindelberger (um 1160-1363)

Abbildung: Bestätigung der Privilegien, Freiheiten und Rechte der Stadt Mindelheim durch Schwigger von Mindelberg aus dem Jahr 1337; Stadtarchiv Mindelheim.

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Die mutmaßlichen Stadtgründer

Wie so oft, scheint sich die Geschichte auch im Fall des am Geschlecht der Mindelberger Interessierten einmal mehr an ihre ureigene Devise zu halten: Nichts Genaues weiß man nicht. Die eigentliche Kunst mag also darin liegen, mit den wenigen vorhandenen Puzzleteilen zumindest ein schemenhaftes Bild zu zeichnen. Wie dem auch sei – es steht zu vermuten, dass sich die Mindelberger bereits im 10. Jahrhundert in der Gegend um Mindelheim niederließen, dabei allerdings nicht Sitz auf der heutigen Mindelburg nahmen, sondern auf der bei Egelhofen gelegenen befestigten Anhöhe Mindelberg, nach der sie benannt sind. Urkundlich gesichert nachzuweisen, ist das Geschlecht ab der Mitte des 12. Jahrhunderts – zunächst als Dienstmannen und Ministeriale des Herrschergeschlechts der Welfen, später auch der Staufer. In dieser Funktion sind sie von Anfang an in hohen und einflussreichen Stellungen anzutreffen – etwa als „baiulus“ (Verwalter welfischer Güter) oder als „camerarius“ (Kämmerer) Herzog Heinrichs des Löwen.

Herrschaftsübernahme des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa

An die Spitze der Reichsbürokratie gelangen sie mit der Herrschaftsübernahme des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa im Jahr 1152. Sie stehen im Dienst aller folgenden Könige und Kaiser, tauchen im 13. und 14. Jahrhundert insbesondere als Siegler auf deren Urkunden auf. Eine Position, die es den Mindelbergern erlaubt, selbst zu einem ausgedehnten Netz an Zoll-, Gerichts-, Vogtei- und Lehensrechten und zu weitläufigen Besitzungen in der näheren und ferneren Umgebung Mindelheims zu kommen – so etwa auch von Gebieten im Werdenfelser Land, von denen bekannt ist, dass Schwigger II. von Mindelberg sie 1249 an den Freisinger Bischof Conrad verkauft.

Stadtgründer ohne Stadtgründungsrechte

Ob es sich bei den Mindelbergern tatsächlich um die Gründer von Markt und Stadt Mindelheim handelt, ist nicht sicher nachweisbar, aber anzunehmen. Treten sie doch von allem Anfang an als Stadtherren in Erscheinung. Die notwendigen fürstlichen Privilegien einer Marktgründung kamen ihnen allerdings nicht zu. Die allerhöchste Erlaubnis dazu muss – je nach Gründungsdatum – entweder von einem welfischen oder von einem staufischen Herzog erteilt worden sein. Ganz ins „Leere“ hinein erfolgt allerdings auch diese Gründung nicht. Denn zum einen sieht sich das Gebiet um das spätere Mindelheim bereits in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts durch die Anbindung an die von Heinrich dem Löwen angelegte neue Salzstraße von München über Landsberg nach Memmingen und weiter bis zum Bodensee, zu deren Schutz vermutlich auch die Mindelburg entsteht, verkehrs- und handelstechnisch erschlossen. Zum anderen existieren in dieser Zeit bereits Dorf und Reichshof Mindelheim. Ersteres entsteht als alemannische Siedlung im 7. Jahrhundert nach Chr. im Bereich der heutigen Westernacher Straße. Der in karolingische Zeit zurückreichende Reichshof mit seinen diversen Unterkunfts- und Wirtschaftsgebäuden taucht erstmals 1046 in einer Schenkungsurkunde König Heinrichs III. an das Hochstift Speyer auf, in dessen Besitz er bis 1263 verbleibt, um im selben Jahr im neu angesiedelten Augustiner-Eremitenkloster (das spätere Jesuitenkolleg) aufzugehen. Gegebenheiten, die sich auch heute noch in der Stadtanlage widerspiegeln: Mit der Salzstraße ist die Hauptachse zwischen Oberem und Unterem Tor in Ost-West-Richtung vorgegeben, die von einer Nordsüdachse mit damals nur einem Tor (dem Einlasstor) durchbrochen, die Stadt in die (später nach den jeweiligen Funktionen benannten) vier Viertel teilt: Pfarr-, Kloster-, Mühl- und Spitalviertel.

Zerstörung durch Fehden

So entscheidend die Mindelberger für die Entstehungsphase der Stadt Mindelheim ohne Zweifel sind, so einschneidend ist deren Machtfülle auch für das weitere Schicksal derselben. Denn wo Auseinandersetzungen um Machtbefugnisse an der Tagesordnung stehen, herrscht die beständige Gefahr von Zerstörung. Diese trifft Mindelheim – Burgen, Stadt und Umland – vermutlich mehrmals, gesichert jedoch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Folge des Streits um die römisch-deutsche Königskrone zwischen Wittelsbachern und Habsburgern wie auch nach heftiger Fehde mit dem Augsburger Bischof Marquard I. von Randeck im Jahr 1349. Ein Wendepunkt in mehrfacher Hinsicht, der nicht nur die Verlegung des Herrschaftssitzes auf die Mindelburg zur Folge hat, sondern auch den endgültigen Niedergang der Mindelberger zu besiegeln scheint. Denn bereits 1363 verkaufen diese die Herrschaft Mindelheim an die Augsburger Domherren Heinrich und Walter von Hochschlitz. Weder über das weitere Schicksal der Mindelberger noch der Feste Mindelberg ist Genaueres bekannt.

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1365

Die Teck (1365-1439)

Abbildung: In Rotmarmor gearbeitetes Doppelgrabmal des Ulrich von Teck und seiner zweiten Frau, Ursula von Baden, aus der Zeit um 1430, gestaltet vom Augsburger Meister Ulrich Wolfhartshauser (um 1395 - 1467/68); Pfarrkirche St. Stephan, Mindelheim.

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Wehrhaftigkeit und Gottesfurcht

So sehr die Spuren der Mindelberger im Dunkel der Vergangenheit verwischen mögen, so sichtbar sind die Zeugnisse eines ganz anderen, für die Geschichte Mindelheims ebenso bedeutsamen Herrschergeschlechts. Gemeint sind die Herzöge von Teck, eine Seitenlinie des schwäbischen Adelsgeschlechts der Zähringer, die trotz ihrer verhältnismäßig kurzen Herrschaft über Mindelheim von 1365 bis 1439 wie kaum ein anderes Geschlecht vor oder nach ihnen das Gesicht der Stadt nachhaltig prägen sollten. Einer Rüstung gleich legen die Tecks mit dem Ausbau von Burg und städtischer Befestigung einen Schutzpanzer um ihre Herrschaft. Stärkung erfährt jedoch nicht nur die Sicherheit an Leib und Leben, sondern durch zahlreiche Stiftungen religiöser Kunstwerke und Sakralbauten auch das Seelenheil der Bewohner, durch die Gründung des Heilig-Geist-Spitals das Sozialwesen und durch den Bau eines Kauf- und Rathauses die städtisch-ökonomische Entwicklung. Es sind diese architektonischen Manifestationen politischer Herrschaft einerseits und des Glaubens andererseits, die die Verhältnisse auf deren Radikalität zwischen Diesseits und Jenseits kennzeichnen, an der sich auch das Auf und Ab der Geschichte eines Fürstenhauses wie der Teck nachvollziehen lässt. Dabei mag gerade die Art der Aneignung, die Herzog Friedrich III. von Teck im Falle Mindelheims praktiziert, die sprichwörtliche Untermauerung der eigenen Herrschaft nach Außen und Oben besonders nahelegen.

Das Husarenstück des Friedrich von Teck

In der Tat muss der heutige Betrachter die Tollkühnheit eines Friedrichs von Teck bewundern, mit der dieser sich die Herrschaft über Mindelheim zu sichern verstand. Dabei beginnt die Angelegenheit zunächst ebenso unspektakulär wie für damalige Verhältnisse üblich. Im Frühjahr 1365 verkaufen die Augsburger Domherren Heinrich und Walter von Hochschlitz die seit 1363 in ihrem Besitz stehende Herrschaft Mindelheim an ihren Vetter, den Augsburger Bischof Marquard I. von Randeck. Derselbe übrigens, der schon 1349 im Zwist mit den Mindelbergern deren Burg zerstörte. Bis zur Erfüllung des Vertrags geht die Herrschaft zunächst zu treuen Händen an Ritter Heinrich von Randeck und Herzog Friedrich von Teck. Als jedoch Marquard kurz darauf zum Patriarchen von Aquileia (ein Kirchenstaat auf dem heutigen Gebiet des Friaul) berufen wird und Walter von Hochschlitz als dessen Nachfolger im Bischofsamt die Herrschaft Mindelheim eigenmächtig dem Hochstift Augsburg als Schenkung vermacht, verweigern dem Heinrich von Hochschlitz und Friedrich von Teck prompt die Anerkennung. Was nun folgt, ist ein langwieriger Streit, der 1369 in die Belagerung Mindelheims durch das Augsburger Heer mündet und mit dem Tod des Bischofs Walter von Hochschlitz endet. Nun allerdings macht auch Friedrich von Teck seinerseits Nägel mit Köpfen: Im April 1370 und Juni 1379 löst er die Augsburger Besitzhälfte der Herrschaft bei Heinrich von Hochschlitz aus, erhält von diesem die andere Hälfte als Lehen und macht Mindelheim bzw. die Mindelburg zu seinem neuen Stammsitz. Es folgen Jahre der Stärkung der Herrschaft durch Ankauf und Befestigung. Im Dezember 1383 erneuern der Herzog und seine Gattin das Mindelheimer Stadtrecht. 1390 schließlich stirbt Friedrich III.

Die Blütezeit der Stadt unter Ulrich von Teck

Bis 1412 wird es dauern, bis dessen jüngster Sohn Ulrich das Zepter in Mindelheim wiederum allein übernimmt. Drei Mal ist er verheiratet – mit Anna von Polen, Ursula von Baden und Agnes von Thierstein. Alle drei Ehen bleiben jedoch kinderlos. Als Rat und Hauptmann steht er in kaiserlichen Diensten, was nicht zuletzt Mindelheim zu Gute kommt, der Ulrich außerordentlich zugetan ist. Wie der Vater, so betreibt auch der Sohn den Ausbau der Herrschaft – durch Ankauf weiterer Besitzungen einerseits und rege Bautätigkeit andererseits. 1423 entsteht auf der Westseite des heutigen Marienplatzes das gotische Kauf- und Rathaus (1783 abgerissen). Besondere Förderung erfährt gerade zu Lebzeiten Annas, die als Tochter des polnischen Königs Kasimir I. ein nicht unerhebliches Vermögen in die Ehe einbringt, das Sakralwesen in Mindelheim. Sie stiftet 1405 die St. Sylvesterkirche und 1409 zusammen mit ihrem Mann den Neubau der bislang außerhalb der Stadtmauern liegenden Pfarrkirche und künftigen Teck’schen Grablege St. Stephan. 1426 entsteht schließlich auch dank der Unterstützung der Gebrüder Teck das Heilig-Geist-Spital, das bis heute den betagten Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Versorgung und Unterkunft bietet. Mit dem Tod Ulrichs 1432 und dem Dahinscheiden des letzten männlichen Nachkommens der Tecks 1439 geht Mindelheim schließlich an den in verwandtschaftlichen Beziehungen stehenden Bero I. von Rechberg.

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1439

Die Rechberg (1439-1467)

Abbildung: Mutmaßliches Grabmal Beros II. von Rechberg; Pfarrkirche St. Andreas, Babenhausen.

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Ein kurzes Intermezzo

Nach dem Ableben des letzten männlichen Nachfahren der Tecks 1439 und der Auszahlung der Erbengemeinschaft kann sich ab 1444 bzw. 1447 Bero I. von Rechberg mit Fug und Recht als alleiniger Herr über Mindelheim bezeichnen. Ein offensichtlich ebenso tatkräftiger wie angesehener, aber durchaus auch streitbarer und kampferprobter Mann. Immerhin: Er ist goldener Ritter und Hauptmann des St. Georgenbundes. Wie seine Vorgänger, die Herzöge von Teck, setzt er einiges an den Ausbau der Herrschaft durch den Zukauf weiterer Rechte und Privilegien. Herrschaftspolitische Verpflichtungen und kriegerische Unternehmungen ebenso wie eine Wallfahrt ins Heilige Land übersteigen jedoch alsbald die Einkünfte, die Stadt und Land Mindelheim abzuwerfen vermögen. Wo allerdings kein Geld ist, muss solches geliehen werden. Eben das kostet jedoch wiederum Geld, über das Bero ebenso wenig verfügt wie über Sicherheiten. So sieht sich in den folgenden Jahren nicht eben selten die Stadt dazu gezwungen, ihrem Herrn Geld zu leihen bzw. die Bürgschaft für solche Zinsgeschäfte zu übernehmen und gerät darüber selbst in Acht und Bann. Als Bero I. von Rechberg 1462 stirbt, hinterlässt er seinen Erben und der Stadt vor allen Dingen eines: eine drückende Schuldenlast. Es folgen Erbstreitigkeiten zwischen den Söhnen, die die finanziellen Kalamitäten zunächst eher steigern als sie zu beseitigen. Erst 1466 liegt die Herrschaft wieder ganz in der Hand eines einzigen Sohnes, Bero II. von Rechberg. Doch auch das nur kurz. Bereits ein Jahr später verkauft er diese für 60.000 Gulden an die Brüder Ulrich und Hans von Frundsberg, deren erster mit seiner Schwester Barbara von Rechberg verheiratet ist, und zieht sich auf seinen Besitz in Babenhausen zurück.

Erneute Klostergründung

So unruhig die Zeiten unter den Rechberg zumindest in finanzieller Hinsicht gewesen sein mögen, so sehr erfährt der Glaube mit der Gründung des Klosters der Franziskanerinnen 1456 weitere Festigung in Mindelheim. Heute unter dem Namen Heilig-Kreuz-Kloster bekannt, entging der Konvent der Säkularisation und besteht bis in die Gegenwart in ununterbrochener Tradition weiter. Die Gründung erfolgt auf den Entschluss von sechs Mindelheimer Bürgerstöchtern (Anna Kautin, Barbara Baderin, Elisabetha Deschlerin, Afra Weylerin, Anna Fingerlin und Anna Schneiderin) hin, nach der Regel des heiligen Franziskus zu leben. Um die Teilnahme an Gottesdiensten und Gebetszeiten zu erleichtern, beziehen die Frauen ein Haus in unmittelbarer Nähe zur Pfarrkirche St. Stephan. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Schwestern mit der Betreuung von Armen und Kranken, dem Anfertigen von Handarbeiten und anderen Handlangerdiensten in der Stadt. Schnell entwickelt sich das kleine Kloster, denn bereits 1469 ist die Gemeinschaft endgültig in den Franziskanerorden aufgenommen. Vermutlich um 1490 unterstellt sich der Konvent schließlich den Franziskanerobservanten und damit der strikten Befolgung der evangelischen Armutsregel. Das setzt zugleich die Abgrenzung gegenüber einem weltlichen, äußerlichen Leben voraus, wie sie nur die umschlossenen Mauern und Strukturen eines Klosters zu bieten vermögen, dessen Gründung und Ausbau hauptsächlich durch Stiftungen ermöglicht wird. So lassen etwa Ulrich von Frundsberg und Barbara von Rechberg im Nordflügel eine Kapelle zu Ehren des Hl. Antonius von Padua errichten. Mit dem Ausbau der Gebäude entsteht inmitten des sog. Pfarrviertels ein geschlossenes Areal zwischen St. Stephan, Gruftkapelle und Klostermauern, in deren Zentrum sich bis zu seiner Verlegung außerhalb der Stadtmauern 1599 der alte Friedhof befindet. Der Beiname „Zum Heiligen Kreuz“, den das Kloster seit 1623 führt, geht im Übrigen auf die Schenkung eines Kreuzpartikels durch den fürstlich Kemptischen Rat und Landvogt zu Wolkenberg und Sulzberg im Jahr 1588 zurück.

Die Herrscher
1467

Die Frundsberg (1467-1586)

Abbildung: Das vermutlich um 1520 vom Mindelheimer Maler Lukas Landsherr (1509-63) gestaltete Wandgemälde in der Trinkstube der Mindelburg zeigt Georg von Frundsberg und Anna von Lodron.

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Die Inventarisierung einer Burg

Mit dem Kauf von Burg und Stadt Mindelheim durch die Brüder Ulrich und Hans von Frundsberg aus den Händen der Rechberg im Jahre 1467 beginnt die Herrschaft des ursprünglich aus Tirol stammenden Adelsgeschlechts, die sich über vier Generationen hin erstrecken sollte. Eine Familie bedeutender Kriegsmänner, die allerdings nicht nur mit ihren Waffentaten Geschichte schrieben, sondern auch mit einer Inventarliste der Mindelburg, die sie der Nachwelt hinterlassen haben. Zugegeben, die feine Art ist es gerade nicht, sich peinlichst genau für die Inneneinrichtung fremder Leute zu interessieren. Andererseits scheinen es genau diese Wohnverhältnisse zu sein, an denen sich die Eigenheiten einer historischen Zeit ablesen lassen, deren Ausdruck sie zugleich sind. In diesem Fall eben der Herrschaft des Rittergeschlechts der Frundsberg über Territorien und Personen, Vorrechte und Privilegien wie sie die frühe Neuzeit typischerweise hervorbringt. Dabei verdankt sich der heutige Einblick in die damaligen Verhältnisse auf der Mindelburg eigentlich einem Konflikt. Genauer gesagt den Erbschaftsstreitigkeiten, die sich nach dem Tod Georgs II. von Frundsberg im Jahr 1586 zwischen den Erbberechtigten Wolf Veit von Maxlrain und Christoph Fugger entspinnen. Eine Auseinandersetzung geführt zunächst mit dem Federkiel und den Mitteln der Bürokratie. Gleich zwei unabhängige Inventarlisten werden von der Mindelburg in Auftrag gegeben, die herrschaftliche Immobilie also gleich zwei Mal vom Keller bis zum Dach einer akribischen Bestandsaufnahme unterzogen. Vom edelsten Schmuck bis zum praktischen Fliegenwedel – nichts entgeht den aufmerksamen Augen der Gutachter. Kammer für Kammer und Kasten für Kasten gibt die Mindelburg in diesen bis heute erhalten gebliebenen Verzeichnissen ihren Hausrat preis und mit ihm auch einen Eindruck von den Lebensverhältnisse in einer spätmittelalterlichen Residenz.

Ausgesuchte Aufmachung für Mensch und Wohnräume

Ein durchaus gut bestelltes Haus, dem es an nichts fehlt. Das aber auch vor Augen führt, wie sehr sich das ausgehende 15. und beginnende 16. Jahrhundert zugleich dem Alten verpflichtet und dem Neuen zugewandt sieht. Auf der einen Seite das Erbe einer mittelalterlichen Ständegesellschaft, in der gerade auch die Inneneinrichtung und die Garderobe die Person auf ihren Status hin kennzeichnen. Es verwundert also nicht weiter, dass sich auf der Mindelburg eine umfangreiche herrschaftliche Garderobe, gefertigt aus erlesenen Materialien wie Samt, Seide oder Damast und verziert mit Goldstickereien und Pelzverbrämungen, auffinden lässt. Auch die Ausstattung der Wohnräume mit zahlreichen Gemälden, diversen (türkischen) Prunkteppichen für Wand, Boden, Tisch und Bettstatt, mit Polstern, Kissen, Deckbetten und (Bett-) Umhängen, mit Servietten, Tisch- und Handtüchern verspricht alle Annehmlichkeiten damaliger Zeit. Und wenn es auch nicht der sprichwörtliche goldene Löffel sein mag, so speist die herrschaftliche Familie doch von reichlich vorhandenem, vergoldetem Silbergeschirr. Wer nun allerdings vor seinem geistigen Auge schon das Bild eines Lebens auf großem Fuße zeichnet, der mag das spätmittelalterliche Recyclingbewusstsein deutlich unterschätzen. Denn „Vermög des alten Inventarj ist ain grien daffeter Turnierhuet verhannden gewesst, wellicher aber, weil er zwar gar schlecht unnd nit vil werdt gewesst, dem Narr Vlig gegeben worden, also deßselben alhie in Mangel“.

Ritterideal und militärische Realität

Eher der alten Zeit zugetan sind auch noch jene dem Rittergedanken geschuldeten Betätigungen, wie sie zugleich als (spielerische) Übung und Ausdruck eines höheren Ideals der Tapferkeit, des Edelmuts und der Verehrung der Schönheit in den ruhmreichen Waffentaten der Jagd und des Turnierwesens einerseits und der distinguierten Lektüre andererseits gepflegt werden. Die unzähligen Jagdtrophäen, die die Inventarlisten aufführen, zeugen ebenso davon, dass derartige Vergnügungen auf der Mindelburg gepflegt wurden wie die Turnierausrüstungen für Ross und Reiter und die in der Bibliothek anzutreffenden, damals populären Heldenepen – u.a. die Artussage, das Rolandslied oder Tristan und Isolde. Dass die militärische Realität inzwischen mit ganz anderen Bedingungen zu kämpfen hat, zeigt sich einerseits am Inhalt von Rüstkammer, Zeughaus und Pulverturm, die neben Rüstungen (u.a. auch „des alten Herrn Georgen von Freundtspergs Leib-Risstung“) und zeitgenössischen Hieb- und Stichwaffen vor allen Dingen die neuere Waffengattung der Artillerie mit Musketen, Handrohren, mehreren „grob und klain Geschüz" sowie Pulverfässern vorhalten. Und andererseits an der Erweiterung der Burg- und Stadtbefestigung für den Einsatz von und die Verteidigung gegen Artillerie um 1500.

Eine Frage des Glaubens

Am deutlichsten mögen sich all die Veränderungen der Zeit jedoch an der Frage des Glaubens abzeichnen. Während das Inventar von über 100 Paternostern (Rosenkränze) zu berichten weiß, lässt die mit mehr als 600 Handschriften und Drucken reichhaltig bestückte Bibliothek keinen Zweifel am gleichzeitigen Nebeneinander von altem Glauben und reformatorischer Erneuerung. In der umfangreichsten Abteilung, der Theologischen, finden sich neben Heiligenbeschreibungen, liturgischen Schriften, Teufelsaustreibungsbüchlein und Verteidigungen des alten Glaubens auch Bibelübersetzungen von Martin Luther, Ulrich Zwingli und Erasmus von Rotterdam sowie weitere protestantische und humanistische Schriften. Dass all dies einer guten Prise Aberglaubens im wohlsortierten Haushalt nicht widersprechen muss, dafür stehen „ain khlaines Glieckhstainlin" und „ain Stüeckhlin vom Aingehürn" (ein nach damaliger Auffassung universales Gegengift), die das Inventarium nennt. Doch wer will schon heute über Derartiges urteilen? Wie bereits gesagt, die feine Art ist es ja gerade nicht, sich für die Inneneinrichtung anderer Leute zu interessieren.

Übrigens: Die Erbschaftsstreitigkeiten, denen wir den heutigen Einblick in die längst vergangenen Lebensverhältnisse auf der Mindelburg zu verdanken haben, mündeten schließlich in handfestere Konsequenzen. Herzog Maximilian I. von Bayern, der 1614 die maxlrainischen Ansprüche erworben hatte, verschaffte sich 1616 kurzerhand mit Waffengewalt Zugang zu Burg und Herrschaft. Die Fugger wurden daraufhin entschädigt und zogen sich auf ihren Besitz nach Babenhausen zurück.

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